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Liechtenstein - Vaduz

Liechtenstein - Vaduz

Alice Hernando

Zwischen französischer Spontanität und liechtensteinischer Genauigkeit

Das Schloss Vaduz an einem leicht bewölkten Tag

Seit meiner Ankunft in Liechtenstein für mein Austauschsemester habe ich mehrere kulturelle Unterschiede im Vergleich zu Frankreich bemerkt. Obwohl das Land klein ist, haben die Menschen eine starke Identität und eine Lebensweise, die sich deutlich von dem unterscheidet, was ich gewohnt bin. In den ersten Wochen sind mir vier Aspekte besonders aufgefallen: Pünktlichkeit, die Gewohnheit, Fremde zu grüssen, direkte Kommunikation und der grössere körperliche Abstand in Gesprächen.

 

Das Erste, was mich wirklich überrascht hat, ist die Pünktlichkeit. In Frankreich ist es kein Problem, fünf Minuten zu spät zu kommen – oft gilt das sogar als akzeptabel. Hier jedoch erscheinen die Leute früh, manchmal zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit. Bei meiner ersten Vorlesung kam ich genau pünktlich, doch alle saßen bereits und waren startklar. Mir wurde klar, dass Zeit hier anders wahrgenommen wird. Früh zu kommen bedeutet nicht nur Organisation, sondern auch Respekt gegenüber anderen. Es zeigt Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit. In Frankreich gehen wir entspannter mit Zeit um, was unsere lockere Haltung in sozialen Situationen widerspiegelt. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass mein eigenes Zeitverständnis kulturell geprägt ist. Was in Frankreich normal erscheint, kann hier als nachlässig wirken.

 

Ein weiterer Unterschied ist die Art, wie Menschen einander grüssen. In Frankreich wäre es seltsam, Fremde auf der Straße zu grüssen, doch hier ist es völlig normal. Die Leute lächeln, nicken oder sagen „Hoi“, wenn sie vorbeigehen. Anfangs wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Ich zögerte, unsicher, ob ich zurückgrüssen oder einfach weitergehen sollte. Mit der Zeit begann ich diese Gewohnheit zu schätzen. Sie schafft ein Gefühl von Freundlichkeit und Gemeinschaft. Es ist eine kleine Geste, die jedoch großen Einfluss darauf hat, wie Menschen miteinander in Kontakt treten. Inzwischen grüsse ich ganz selbstverständlich zurück – und es macht meinen Tag heller. Diese Gewohnheit spiegelt die offene und respektvolle Haltung wider, die das Leben in Liechtenstein prägt.

 

Mir fiel auch auf, dass die Menschen hier sehr direkt sprechen. In Frankreich achten wir oft darauf, wie wir etwas sagen, damit es nicht zu schroff klingt. Wir bevorzugen Diplomatie und mildern unsere Meinungen ab. Hier hingegen sagen die Leute klar und direkt, was sie denken. Zunächst empfand ich das als etwas kühl, doch bald verstand ich, dass es keine Unhöflichkeit ist. Es ist vielmehr eine Form von Ehrlichkeit, die Missverständnisse vermeidet. Ich stellte fest, dass ich meine Meinung manchmal zurückhalte, um Konflikte zu vermeiden, während hier Offenheit geschätzt wird. Diese Erfahrung hat mich ermutigt, selbstbewusster zu sprechen. Ich lerne, dass Klarheit ebenfalls eine Form von Respekt sein kann.

 

Schließlich bemerkte ich, dass die Menschen mehr körperlichen Abstand halten, wenn sie miteinander reden. In Frankreich stehen wir oft recht nah beieinander, selbst wenn wir uns nicht gut kennen. Hier jedoch lassen die Leute mehr Raum zwischen sich. Anfangs wirkte das auf mich distanziert, doch später verstand ich, dass es ein Zeichen von Höflichkeit ist. Den persönlichen Raum zu respektieren bedeutet, Rücksicht zu nehmen. Faszinierend, wie etwas so Einfaches wie Abstand je nach Kultur eine andere Bedeutung haben kann.

All diese Unterschiede haben mich dazu gebracht, über meine eigene Kultur und Gewohnheiten nachzudenken. In Frankreich sind wir spontaner und ausdrucksstärker. Wir mögen Nähe – sowohl körperlich als auch emotional. In Liechtenstein hingegen schätzt man Struktur, Respekt und Ehrlichkeit. Mir wurde klar, dass keine der beiden Haltungen besser ist; sie spiegeln lediglich unterschiedliche Wege wider, gesellschaftliche Harmonie zu bewahren.

 

Diese Erfahrung lehrt mich bereits viel über Anpassung. Ich lerne, früher zu erscheinen, Menschen zu grüssen, direkter zu sprechen und den persönlichen Raum anderer zu respektieren. Gleichzeitig möchte ich meine französische Wärme und Spontanität bewahren, denn sie gehören zu mir. Das Leben hier hilft mir, nicht nur eine neue Kultur zu entdecken, sondern auch mich selbst besser zu verstehen. Ich erkenne, dass interkulturelle Erfahrungen nicht nur darin bestehen, andere zu beobachten, sondern auch die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und eine Balance zwischen beiden Welten zu finden.

Das Schloss Vaduz an einem leicht bewölkten Tag