Liechtenstein - Vaduz
Liechtenstein - Vaduz
Zebrastreifen, Lächeln und Sonntagsruhe: Eine kulturelle Reise in Liechtenstein
Als ich für mein Erasmus-Semester nach Liechtenstein kam, erwartete ich, dass das Leben hier ähnlich sein würde wie in Prag. Schließlich befinden wir uns immer noch in Mitteleuropa – doch tatsächlich habe ich gleich mehrere Aspekte des Alltags entdeckt, die mich überrascht haben und mich über meinen eigenen kulturellen Hintergrund nachdenken ließen.
Das Erste, was mir auffiel, war die Art, wie sich Menschen hier begrüßen. In Vaduz und den umliegenden Städten lächeln Fremde, sagen „Hallo“ und manchmal lächeln sie sogar aus vorbeifahrenden Autos heraus. Anfangs hat mich das fast verwirrt. In Prag ist es viel üblicher, Blickkontakt zu vermeiden – und Fremde anzulächeln kommt praktisch nicht vor. Ich stellte fest, dass ich diese Haltung selbst übernommen hatte (oft gehe ich mit neutralem oder sogar leicht unfreundlich wirkendem Gesichtsausdruck durch die Straßen). Hier in Vaduz reagiere ich manchmal zu kühl, wenn mir jemand zulächelt, und fühle mich danach beschämt. Es ist eine seltsame, aber spannende Erfahrung – das, was ich als „normal“ betrachte, ist eigentlich nur ein kulturell erlerntes Verhalten.
Ähnlich ist es an den Zebrastreifen. In Prag ist das Überqueren der Straße oft ein kleiner Kampf – Autofahrer halten nicht immer an, und als Fußgänger muss man sehr vorsichtig sein. In Vaduz dagegen bremsen die Fahrer lange, bevor man überhaupt den Zebrastreifen erreicht, manchmal warten sie sogar ziemlich lange, ohne ungeduldig zu wirken. Das zeigt, wie unterschiedlich Respekt ausgedrückt werden kann – in Prag ist der Verkehr eher wettbewerbsorientiert, hier hingegen scheinen Geduld und Rücksichtnahme gegenüber Fußgängern selbstverständlich zu sein.
Beeindruckt hat mich auch die Atmosphäre an der Universität. Die Hochschule ist klein, was eine sehr persönliche Umgebung schafft. Die Professoren sprechen in einem entspannten Ton mit uns, fast so, als wären wir Gleichgestellte, und die Veranstaltungen fühlen sich eher wie Gespräche als wie formale Vorlesungen an. Mir gefällt dieser Ansatz sehr, weil er mich motiviert, mich einzubringen und meine Meinungen und Ideen zu teilen. In Prag bin ich eine größere, formellere Universitätsumgebung gewohnt, in der die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden deutlich größer ist.
Auch das Einkaufen ist hier eine kulturelle Lektion. Ich war überrascht, wie eingeschränkt die Öffnungszeiten der Supermärkte sind. In Prag bin ich es gewohnt, dass Geschäfte bis spät geöffnet haben, manche sogar rund um die Uhr. Hier schließen die Läden früh, und sonntags ist alles komplett geschlossen. Anfangs fand ich das ziemlich lästig, doch mit der Zeit beginne ich zu verstehen, welche Werte dahinterstehen: Zeit mit der Familie, Ruhe und ein langsameres Lebenstempo statt ständiger Verfügbarkeit.
Ein weiterer Punkt, der mir auffiel, ist die insgesamt elegante und professionelle Alltagsatmosphäre. Die Menschen hier kleiden sich sehr gepflegt und oft formell – Männer wie Frauen – und die Umgebung wirkt sauber, organisiert und hochwertig. Wenn ich durch die Straßen gehe, habe ich das Gefühl von Ordnung und Raffinesse, das im starken Kontrast zur eher informellen, manchmal chaotischen Energie einer Großstadt wie Prag steht.
Insgesamt versuche ich, mich anzupassen – ich lächle zurück, vertraue darauf, dass Autofahrer warten, beteilige mich mehr im Unterricht, plane meine Einkäufe besser und achte auch ein wenig mehr auf mein äußeres Erscheinungsbild. Diese Veränderungen mögen klein wirken, aber sie beeinflussen mein tägliches Verhalten und mein Wohlbefinden. Zum Beispiel habe ich bemerkt, dass mich ein Lächeln tatsächlich ein wenig aufmuntert oder dass ich mich durch die aktive Teilnahme an Diskussionen stärker eingebunden fühle.
Am Ende finde ich nicht nur die konkreten Handlungen interessant, sondern auch die Werte, die dahinterstehen – Freundlichkeit, Geduld, Gemeinschaftssinn und Professionalität. Die Erfahrung dieser Unterschiede hat mich bereits dazu gebracht, über meinen eigenen kulturellen Hintergrund nachzudenken und zu erkennen, dass „normal“ immer nur ein relativer Begriff ist.