Architektur ist mehr als Effizienz. Sie ist eine kulturelle Aufgabe.
Architektur ist mehr als Effizienz. Sie ist eine kulturelle Aufgabe.
Als ich Architektur studierte, erschien mir - und vielen meiner Mitstudierenden - die Welt einfacher als heute. Zumindest in unseren Entwürfen. Wir haben Gebäude entworfen, die vor allem eins sein sollten: sichtbar, ikonisch, herausragend. Nachhaltigkeit war durchaus ein Thema, aber selten der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Das hat sich grundlegend verändert.
Heute steht die Architektur vor einem echten Widerspruch. Einerseits boomt die Bauwirtschaft, andererseits stellen wir uns immer häufiger und immer ernsthafter die Frage, ob wir überhaupt noch neu bauen sollen. Viele Gebäude, die noch vor wenigen Jahren als Referenzen galten, sind inzwischen Teil eines Problems geworden, das wir nicht länger ignorieren können. Das ist unbequem – für unsere Disziplin und auch für die Architekturlehre. Gerade deshalb ist dieser Moment, unser Jetzt, so entscheidend.
Denn die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: Wie bauen wir?
Sondern: Warum bauen wir, und für wen?
Für uns als Lehrende bedeutet das vor allem eines: Verantwortung.
Verantwortung dafür, welche neuen Referenzen wir setzen. Dafür, wie wir die jüngere Geschichte der Architektur, der Landschaftsarchitektur und des Städtebaus kritisch neu lesen. Und Verantwortung dafür, dass wir nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern Haltungen, Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse. Architektur muss lernen, von einem Teil des Problems wieder stärker zu einem Teil der Lösung zu werden.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind real. Sie sind komplex. Und sie sind dringend. Gleichzeitig arbeiten wir oft in regulatorischen Rahmenbedingungen, die dem aktuellen Wissensstand hinterherhinken. Das macht die Aufgabe nicht leichter. Aber genau darin liegt auch die Relevanz unserer Disziplin. Es braucht Architektinnen und Architekten, die bereit sind, Position zu beziehen. Die nicht nur spüren, dass sich etwas ändern muss, sondern auch den Mut haben, das anzusprechen - und zu zeigen, dass Veränderung möglich ist, ohne gestalterische Qualität preiszugeben.
Einfach ist das nicht. Aber möglich.
Und ohne Leidenschaft geht es ohnehin nicht.
Während meines Studiums hörte ich einmal einen Satz, der mir bis heute geblieben ist. Sinngemäss ging es darum, dass es im Wesentlichen zwei Typen von Menschen gibt: jene, die die Welt grundsätzlich als gegeben wahrnehmen, und jene, die daran glauben, dass man die Welt verändern kann. Ich bin überzeugt, dass die allermeisten von uns zur zweiten Gruppe gehören. Studierende ebenso wie unser Team. Genau darin liegt etwas Verbindendes.
Wir glauben an Neugier, Experimentierfreude und das Lernen durch neue Erfahrungen. An eine Architektur, die sorgsam ist – im Umgang mit Ressourcen ebenso wie im Umgang miteinander. An eine Architektur, die Limiten anerkennt, die Endlichkeit verfügbarer Ressourcen akzeptiert und gerade innerhalb dieser Bedingungen kreativ wird.
Wir sind überzeugt, dass Lehre sich auf Lernen konzentrieren sollte, und nicht auf bürokratische Abläufe. Dass Zusammenarbeit wichtiger ist als individuelle Profilierung. Und dass Architektur niemals das Werk einer einzelnen heroischen Figur ist. Die Zeit der Stararchitektinnen und Stararchitekten ist vorbei. Die Zukunft liegt in kollektiven Praktiken, in gemeinsamer Verantwortung und in interdisziplinärer Zusammenarbeit. Gute Architektur entsteht nicht aus Ego. Sie entsteht aus Haltung.
Gleichzeitig verändert sich unser Beruf rasant. Neue Werkzeuge, darunter auch künstliche Intelligenz, beeinflussen unsere Arbeitsweisen bereits heute. Sie werden uns unterstützen, sie werden uns herausfordern, und sie werden Möglichkeiten eröffnen, die wir bislang nicht kannten. Aber sie werden nicht ersetzen, was den Kern unserer Disziplin ausmacht: Urteilskraft, Verantwortung und menschliche Intention. Wir sollten diese Werkzeuge nutzen, aber nicht zulassen, dass sie unsere Entscheidungen ersetzen.
Denn Architektur ist mehr als Effizienz.
Sie ist eine kulturelle Aufgabe.
Und genau das möchten wir weitergeben: keine fertigen Antworten, sondern Denkweisen. Keine Rezepte, sondern die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Und keine einfachen Lösungen, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Es ist keine einfache Zeit, um Architektur zu studieren. Aber es ist eine entscheidende Zeit. Die Antworten liegen nicht bereit, und niemand von uns hat sie allein. Was wir haben, ist Wissen, sind Werkzeuge und ist die Überzeugung, dass Gestaltung immer mit Verantwortung verbunden ist.
Wir glauben an eine leisere, klügere, präzisere Architektur – statt an eine laute, immer grössere, immer spektakulärere. An eine Architektur, die im gemeinsamen Arbeiten entsteht und sich ihrer Wirkung bewusst ist. Diese Haltung möchten wir teilen – nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Nicht als fertiges Modell, sondern als gemeinsamer Lernprozess.
Die Zukunft unserer gebauten Umwelt wird nicht von Einzelnen entschieden. Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Das ist nicht einfach. Aber es ist möglich.
Und genau deshalb ist jetzt eine gute Zeit, an einer Architekturschule zu sein.
Ich freue mich sehr darauf, in den kommenden Jahren Euer Dekan zu sein.
Vielen Dank für Euer Vertrauen.