Die Ästhetik steckt im Kleinen
Die Ästhetik steckt im Kleinen
Wie sieht eine Architektur aus, die nicht wirtschaftliches Wachstum, sondern ein gutes Leben und soziale Gerechtigkeit zum Ziel hat? Diese Frage bewog meine Partnerin Isha und mich, einen etwas anderen Werdegang einzuschlagen. Kurz nach Abschluss unseres Architekturstudiums gründeten wir 2020 den gemeinnützigen Verein Arch Aid. Wir hinterfragten den Bedarf weiterer Neubauten in der Schweiz und nahmen aufgrund von Ishas Herkunft gleichzeitig einen hohen Bedarf für klimaresistente und sichere Bauten in Indien wahr.
Wir hatten genug davon, uns mit Luxusproblemen auseinanderzusetzen. Stattdessen wollten wir einen Beitrag leisten, um die Lebensbedingungen benachteiligter Menschen in Indien durch die Erstellung baulicher Infrastrukturen ein kleines Stück zu verbessern. Anfangs betrachteten wir unsere Tätigkeit als einen eher einseitigen Prozess, einen Wissens- und Geldtransfer von der Schweiz nach Indien. Durch den Gebrauch regenerativer und lokaler Baumaterialien wie Lehm, Bambus, Holz und Stroh versuchten wir die regionale Wertschöpfung zu fördern, statt eine international agierende Stahl- und Zementindustrie zu unterstützen. Dabei stellten wir fest, dass sich auch die Menschen in einem abgelegenen indischen Dorf an urbanen Bau- und Lebensweisen orientieren: «Dort, wo ihr herkommt, sind die Häuser und Strassen auch nicht aus Lehm gebaut, oder?», konfrontierte uns ein Dorfbewohner. Das Dorf schaut, wie in der nächstgelegenen Stadt gebaut wird, dieses blickt auf die Grossstädte Delhi oder Mumbai, und diese wiederum nehmen sich Dubai, London oder New York zum Vorbild.
Bautraditionen stehen unter Klimadruck
In Bahuarwa, wo wir eine Schule gebaut haben, haben nur wenige Haushalte eine Toilette, aber fast jede erwachsene Person besitzt ein Mobiltelefon. Es gibt keine funktionierende öffentliche Schule, dafür aber superschnelles Internet. So werden urbane Bau- und Lebensstile des Globalen Nordens zumindest digital erfahrbar. Es war daher wenig überraschend, dass das schönste Haus im Dorf für viele dasjenige ist, das in Anlehnung an eine Villa des Bollywood-Stars Shah Rukh Khan in Mumbai gebaut worden ist: Lehm oder Bambus sucht man da vergebens.
Die Ablehnung von natürlichen Baumaterialien ist nicht nur Folge von anderen digitalen Vorbildern, sondern hängt auch mit den Auswirkungen des Klimawandels zusammen, die wiederum eng mit unserer Lebensweise im Globalen Norden verknüpft sind. Vermehrte Extremwetterereignisse im nördlich angrenzenden Himalaya-Gebirge verursachen Überflutungen in der flachen Landschaft von Bihar mit gravierenden Folgen für vernakuläre Bautraditionen: Lehmfundamente werden unterspült, Wände erodieren, ganze Gebäude fallen in sich zusammen. Und so wachsen die Zweifel gegenüber natürlichen Baumaterialien, und der Umstieg auf gebrannte Ziegel, Zement und Stahl beschleunigt sich.
Ein weiterer Grund für die zunehmende Ablehnung regenerativer Baumaterialien ist wirtschaftlicher Natur. Die rasant expandierende Zement- und Stahlindustrie, nicht selten mit Wurzeln im Globalen Norden, erkennt solch abgelegene Regionen als neue Absatzmärkte. Sie verdrängt die lokale Baukultur, bis oft keine andere Wahl mehr besteht, als ein Gebäude mit Zement und Stahl zu errichten. So wird es auch in ländlicheren Gegenden Indiens immer schwieriger, regenerative Baumaterialien einzusetzen, da die handwerkliche Expertise nicht mehr vorhanden ist.
Bauen im globalen Spannungsfeld
Die Leitbilder des Fortschritts, die Folgen des Klimawandels oder der Einfluss globaler Bauindustrien sind nur einige der Abhängigkeiten zwischen Globalem Norden und Süden, die uns während des Baus der Schule begleiteten. Aus einem «zu wenig» «genug» zu machen, bedingt auch, aus einem «zu viel» «genug» zu machen. Gerade in Bezug auf Letzteres haben wir - und habe vor allem ich als Schweizerwährend unseres mehrmonatigen Aufenthalts wertvolle Lektionen gelernt. Wenn wir den lokalen Handwerksleuten Anweisungen zum Mischverhältnis von Lehm, Stroh und Wasser gaben, winkten sie ab. «Ihr kennt die Materialien aus den Büchern, wir wachsen mit ihnen auf.»
Um die Bedürfnisse der Schulkinder besser zu verstehen, nahmen wir an ihrem Alltag teil. Stolz zeigten sie uns ihre selbstgemachten Spielzeuge: einen Cricketschläger aus Bambus, Figuren aus Lehm oder Bälle aus weggeworfenem Malerklebeband. In der subtropischen Winterzeit zogen wir abends einen zweiten Pullover an und wärmten uns an einem offenen Feuer. Gleichzeitig bekamen wir Videoanrufe von Freunden aus der Schweiz, die in kurzen Hosen vor dem Fernseher sassen, während draussen der Schnee fiel. In diesen Momenten stellte sich in unseren Köpfen immer wieder die Frage nach dem richtigen Mass.
Obwohl unsere Arbeit in Indien finanziell und strukturell eingeschränkt ist und einen pragmatischen Zugang zur Architektur erfordert, sollen die Bauten, die wir bauen, nicht nur dauerhaft und funktional sein, sondern auch ästhetisch überzeugen. Die Ästhetik steckt jedoch nicht im Spektakulären und Ausserordentlichen, sondern im Einfachen und Kleinen. Während wir die Schule in Bihar planten und bauten, wurde uns klar, dass ein radikaler Einsatz regenerativer Materialien wie Lehm und Bambus wenig zielführend war, wenn das Gebäude und die angewendeten Methoden von der Bevölkerung akzeptiert werden sollten. Anders als bei uns zeugt der Gebrauch natürlicher Baumaterialien nicht von Umweltbewusstsein, sondern von Armut. Nur Angehörige von ausgeschlossenen Kasten wohnen in Bahuarwa noch in Bauten aus Lehm und Bambus.
Eine blaue Fassade gegen die Stigmatisierung
Im Austausch mit der Bevölkerung legten wir das rechte Mass von natürlichen und stärker verarbeiteten Materialien fest. Dabei war die soziale Bedeutung des Materials genau so massgebend wie seine technischen Eigenschaften. Dies führte dazu, dass wir analog zum Greenwashing ein Bluewashing durchführten: Wir verschleierten den Einsatz von regenerativen Materialien mit einem blauen Anstrich der Fassade, um so eine Stigmatisierung der Schulkinder zu verhindern. Wenn «genug» im Sinne einer gerechten Verteilung der begrenzten planetaren Ressourcen verstanden werden soll, braucht es eine Annäherung von beiden Seiten. In der Konfrontation mit einer anderen Kultur lernen wir diese nicht nur kennen, sondern nehmen auch unsere eigene bewusster wahr. Während unserer Arbeit in Indien haben wir gelernt, unsere Tätigkeit nicht als einseitigen Transfer im Sinne einer Entwicklungshilfe zu verstehen, sondern als einen gemeinsamen Lernprozess.
Messen wir Entwicklung und Fortschritt nämlich am Umgang mit unserer Umwelt, so drängt sich die Frage auf, wer hier Hilfe braucht. Statt Nachhaltigkeit in Materialien und Produkten zu suchen, haben wir in Indien gelernt, dass letztlich die Nutzung entscheidend ist. Die Frage nach dem «Genug» kann nicht allein durch technologischen Fortschritt beantwortet werden, sondern bedingt, dass wir Nachhaltigkeit als Praktik und nicht als Produkt verstehen. Zahlreiche Nachhaltigkeitsstrategien, die wir aus Vorträgen und Büchern kennen, von Upcycling- und Repair-Workshops bis zu gemeinschaftlichem Wohnen und Selbstversorgung im eigenen Garten, erleben wir während unserer Tätigkeit in Indien täglich. Jedoch nicht als Folge eines Umweltbewusstseins, sondern eines Mangels. Im Zuge der sich zuspitzenden Umweltkrise und steigender Unterschiede zwischen Überfluss und Mangel stellt sich die Frage, wie lange wir uns noch vor der Frage nach dem richtigen Mass drücken können. Dabei könnte «Genug» ein vielversprechendes Gestaltungsprinzip für unsere Bau- wie auch unsere Lebensweisen sein.
Zum Autor
Architekt Daniel Haselsberger leitet ein Entwurfsstudio an der Universität Liechtenstein, wo er auch sein Doktorat absolviert. In seiner Dissertation erforscht er die gesellschaftliche Bedeutung und Akzeptanz regenerativer Baumaterialien im indischen Bundesstaat Bihar und sucht nach Möglichkeiten, diese mit neuen Baumethoden und -materialien zu kombinieren. Zusammen mit seiner Partnerin Isha Haselsberger, einer in Indien geborenen Architektin, gründete er 2020 den gemeinnützigen Verein Arch Aid. Von 2022 bis 2024 errichteten sie in Zusammenarbeit mit der NGO Bahuarwa Foundation im indischen Bundesstaat Bihar eine Schule für Kinder aus ausgeschlossenen Kasten. Haselsberger hat den Bau der Schule mit seiner Forschung verknüpft. Während der Schulbau von der Analyse der örtlichen Baukultur profitierte, lieferte der Planungs- und Bauprozess der Schule Daten für seine Doktorarbeit und einen Mehrwert für die örtliche Bevölkerung.
Dieser Beitrag wurde erstmals am 5.11.2025 in der Zeitschrift "Hochparterre" veröffentlicht.