Lebenshaltungskosten in Liechtenstein: Ein teures Paradies
Lebenshaltungskosten in Liechtenstein: Ein teures Paradies
In Liechtenstein, einem der wohlhabendsten Länder Europas, stehen die Bürger vor einer paradoxen Situation: Trotz des hohen Wohlstands bereiten Altersvorsorge, Gesundheits- und Lebenshaltungskosten grosse Sorgen. Wie passt das zusammen? Ein Interview mit der Volkswirtschaftlerin Tanja Kirn.
Was beschäftigt die Menschen in Liechtenstein derzeit am meisten?
Tanja Kirn: Die aktuellen Umfragen zeigen: Altersvorsorge, Gesundheitskosten und die hohen Lebenshaltungskosten stehen ganz oben auf der Sorgenliste. Und das, obwohl Liechtenstein zu den wohlhabendsten Ländern Europas zählt.
Wie passt das zusammen – Wohlstand und Sorgen um die Kosten?
Die täglichen Ausgaben treffen Haushalte unterschiedlich stark. Wer weniger verdient, spürt Preissteigerungen deutlicher. Das wird oft unterschätzt: Am Ende zählt die Kaufkraft, nicht der blosse Wohlstand.
Können Sie das mit Zahlen greifbar machen?
Eine wichtige Kennzahl für den Lebensstandard ist das verfügbare Einkommen. Dies ergibt sich, wenn man vom Bruttoeinkommen die direkten Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Krankenkassenprämien abzieht. Um Haushalte – unabhängig von ihrer Grösse vergleichen zu können – wird das Äquivalenzeinkommen bestimmt. Hierbei wird das Haushaltseinkommen durch die gewichtete Anzahl der Haushaltsmitglieder geteilt. 2023 lag das mittlere verfügbare Äquivalenzeinkommen in Liechtenstein 61'489 Franken – ein europäischer Spitzenwert vor Norwegen und Luxemburg. Doch die Verteilung ist ungleich: 10 Prozent der Bevölkerung mussten mit 33'188 Franken oder weniger auskommen. Die Armutsgefährdung beginnt bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern bei 72'491 Franken. Davon müssen Wohn-, Krankheits- und Alltagskosten gedeckt werden – und genau hier machen sich steigende Preise bemerkbar.
Wie stark sind die Ausgaben konkret gestiegen?
Eine Durchschnittsfamilie mit einem Bruttoeinkommen von 170'000 Franken zahlt jährlich etwa 20'760 Franken für Wohnen und Energie – ein Anstieg von 22 Prozent in fünf Jahren. Lebensmittel verteuerten sich um 12 Prozent, die Ausgaben liegen bei rund 11'000 Franken. Gesundheitskosten schlagen mit 14'000 Franken zu Buche, bei einer Teuerung von 15 Prozent. Senioren in Einpersonenhaushalten spüren die Preissteigerungen noch stärker, da Heiz- und Gesundheitskosten bei ihnen mehr ins Gewicht fallen.
Somit sind die Teuerungsraten unterschiedlich – je nach Lebens- und Einkommenssituation?
Ja, genau. Besonders Lebenshaltungskosten und Gesundheitsausgaben steigen überdurchschnittlich und schränken den finanziellen Spielraum ein – vor allem bei niedrigen Einkommen. Man könnte sagen: Wir sitzen alle im selben Sturm, aber in unterschiedlichen Booten.
Was kann die Politik tun, um gegenzusteuern?
Ich leite das EU-finanzierte Forschungsprojekt «ecoMOD», das politische Strategien für eine widerstandsfähige Gesellschaft entwickelt. Partner sind unter anderem das Luxembourg Institute of Socio-Economic Research und die Universität Freiburg. Gemeinsam analysieren wir Preisentwicklungen und prüfen Maßnahmen, um den Preisanstieg abzufedern. Dazu gehören kurzfristige Entlastungen wie Prämienverbilligungen im Gesundheitsbereich oder Energiekostenpauschalen. Auch die Anpassung von Sozialleistungen und Pensionen an die Inflation sowie Preisdeckel, reduzierte Mehrwertsteuersätze für Grundbedarf und Mietpreiskontrollen spielen eine Rolle. Langfristig geht es um strukturelle Lösungen: mehr bezahlbarer Wohnraum, energieeffiziente Gebäude und präventive Maßnahmen zur Senkung der Gesundheitskosten. Ziel ist es, Konzepte zu entwickeln, die nicht nur kurzfristig helfen, sondern die Gesellschaft nachhaltig stärken.
Und wo sehen Sie für die liechtensteinische Politik die Ansätze?
Hier wären verschiedene Ansatzpunkte denkbar. So untersuchen wir derzeit, welche positiven Erwerbsanreize bei Frauen durch einen Übergang zur Individualbesteuerung in der Schweiz ausgelöst werden. Dies wäre auch eine interessante Politikoption für Liechtenstein. Ferner schauen wir uns an, wie die schweizerischen Haushalte durch die CO2-Steuer be- und entlastet werden. Hier ist es wichtig zu überlegen, wie der ökologische Wandel sozial gerecht und dennoch effizient gestaltet werden kann. Dann gibt es noch das Thema Alterssicherung. Zentral ist hier der Einfluss des demografischen Wandels. Aber auch Fragen der intra- und interfamiliären Solidarität. Da sich das traditionelle Familienbild wandelt, immer weniger Ehen geschlossen werden und viele Ehen geschieden werden, stellt sich die Frage, wie das Pensionssystem hier angepasst werden kann.
Und was können Haushalte selbst tun?
Eigenverantwortung ist wichtig: Wer sein Budget sorgfältig plant, Krankenkassen vergleicht und Sparpotenziale nutzt, kann Kosten senken – auch wenn das nicht alle Probleme löst. In schwierigen Situationen ist schnelle Hilfe entscheidend. Neben staatlichen Stellen bieten Organisationen wie Caritas Liechtenstein unbürokratische Unterstützung bei finanziellen Engpässen oder Fragen zur Haushaltsführung.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Sorgen bleiben, und wo sehen Sie Chancen?
Steigende Gesundheits- und Pflegekosten sowie die Altersvorsorge werden uns weiter beschäftigen. Auch der Umweltschutz gewinnt an Bedeutung, da die Folgen des Klimawandels spürbarer werden. Wir müssen Strategien entwickeln: von besserer Infrastruktur über Schutz vor Extremwetter bis zur nachhaltigen Ressourcennutzung. Doch es gibt Chancen. Prävention und Digitalisierung können Gesundheitskosten senken. Energieeffiziente Bau- und Verkehrskonzepte bremsen den Anstieg der Energiekosten. In der Altersvorsorge schaffen neue Modelle wie die FL-Säule zusätzliche Spielräume. Wer heute die Weichen richtig stellt, kann die Sorgen von morgen verringern.
Was macht Sie persönlich optimistisch?
Gerade in der Weihnachtszeit sollten wir nicht nur über Sorgen nachdenken, sondern auch über Chancen. Wenn wir gemeinsam Verantwortung übernehmen – für Altersvorsorge, bezahlbares Leben und ein nachhaltiges Gesundheitssystem – können wir zuversichtlich ins neue Jahr blicken. Weihnachten erinnert uns daran: Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sind die besten Grundlagen für eine sichere Zukunft.
Interview: Patrik Schädler