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Baustelle: Zukunft der höheren Bildung

Baustelle: Zukunft der höheren Bildung

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Bei der Veranstaltung «Wirtschaftswunder Liechtenstein» der Vaduzer Medienhaus AG drehte sich kürzlich alles um das Thema «Baustelle Zukunft». Es ging darum, wie sich das Land für kommende Herausforderungen neu ausrichten kann. Ähnlich steht die höhere Bildung vor einem Umbau – jedoch weit weniger durchdacht. Künstliche Intelligenz verändert rasant, welche Fähigkeiten gefragt sind und was es heute heisst, gut ausgebildet zu sein. Damit wird auch die Bildung selbst zur Baustelle.

Am deutlichsten zeigen sich die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. KI-Systeme übernehmen heute Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren klaren Berufsbildern zugeordnet waren. Sie erstellen Texte, generieren Programmcodes, analysieren Daten oder beantworten Anfragen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften etwa 60% der Arbeitsplätze von KI betroffen sein werden. Gleichzeitig geht die OECD davon aus, dass in ihren Mitgliedsländern rund 14% der Jobs ein hohes Automatisierungsrisiko haben und sich in weiteren gut 30% die Tätigkeiten deutlich verändern werden. Auch wenn solche Schätzungen je nach Studie variieren, weisen sie meist in dieselbe Richtung: Der Arbeitsmarkt steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Besonders betroffen sind Tätigkeiten, die sich wiederholen oder klar strukturieren lassen. 

Viele einfache Einstiegsaufgaben etwa in der Softwareentwicklung, der Vertragsprüfung, der Buchhaltung oder bei standardisierten Kommunikationsinhalten lassen sich heute bereits weitgehend automatisieren. Diese Berufe verschwinden dadurch nicht, doch sie verändern sich grundlegend. Routinetätigkeiten treten in den Hintergrund, während anspruchsvollere Aufgaben an Bedeutung gewinnen. 

Gefragt sind Menschen, die Probleme präzise formulieren, KI sinnvoll einsetzen, Risiken einschätzen und Ergebnisse kritisch beurteilen können. Wer sich ausschliesslich auf Routine stützt, verliert an Relevanz. Für junge Erwachsene bedeutet das oft längere Unsicherheitsphasen beim Einstieg ins Berufsleben. Der Übergang zwischen Ausbildung und erster Anstellung wird brüchiger und verlangt mehr Anpassungsfähigkeit und technologische Grundkompetenz als noch vor einer Generation.

Technologische Umbrüche hingegen hat es immer gegeben. Schon Industrialisierung, Computer und Internet haben Tätigkeiten ersetzt und gleichzeitig neue Berufe entstehen lassen. Auch heute erwarten Unternehmen laut einer Umfrage des Weltwirtschaftsforums, dass sich bis 2027 rund ein Viertel aller Arbeitsplätze verändert: Etwa 69 Millionen neue Stellen entstehen, rund 83 Millionen fallen weg – ein leichter Nettorückgang, aber eine starke Umschichtung. Verständlich ist, dass sich viele Menschen verunsichert fühlen, weil die aktuelle KI-Welle erstmals in grossem Ausmass auch hochqualifizierte Wissensarbeit betrifft.

Lohnt sich ein Studium noch? 

Trotz dieser Unsicherheit zeigen internationale Studien, dass höhere Bildung weiterhin klare Vorteile bringt – etwa beim Einkommen oder bei der Fähigkeit, beruflich umzusteigen. In der EU lag die Arbeitslosenquote 2023 bei Menschen mit niedriger formaler Bildung bei rund 12%, bei tertiärer Bildung bei knapp 4%; zugleich waren gut 80% junger Absolventinnen und Absolventen erwerbstätig. Auch wenn in einigen Ländern die Zahl arbeitsloser Akademikerinnen und Akademikern gestiegen ist, bleibt ihre Arbeitslosenquote deutlich niedriger als bei anderen Qualifikationsgruppen.

Gleichzeitig verschiebt sich, was im Studium wichtig ist. Unternehmen erwarten laut der Umfrage des Weltwirtschaftsforums, dass bis 2027 vor allem analytisches und kreatives Denken, der Umgang mit KI und Daten, Kommunikations- und Führungskompetenz sowie Neugier und Bereitschaft zum lebenslangen Lernen zu den wichtigsten Zukunftsfähigkeiten zählen werden. Eine zeitgemässe Ausbildung muss Menschen deshalb befähigen, neue Technologien zu verstehen, kritisch zu nutzen und sinnvoll in komplexe Arbeitsprozesse einzubetten – und zugleich Fähigkeiten stärken, die sich kaum automatisieren lassen: analytisches Denken, Kommunikationsstärke, Verantwortungsbewusstsein und die Haltung, sich laufend weiterzuentwicklen.

Wie die Universität Liechtenstein reagiert 

An der Universität Liechtenstein richten wir unsere Studiengänge gezielt auf diese Anforderungen aus. In vielen Programmen stärken wir die Fähigkeit zum kritischen Denken, zur klaren Kommunikation und zur reflektierten Nutzung neuer Technologien – etwa in Modulen wie Effective Communication, Academic Writing oder Critical Thinking. Diese Lehrformate fördern das präzise Argumentieren, das Erkennen von Biases und die Auseinandersetzung mit komplexen Fragestellungen. 

Ein Beispiel hierfür ist der Masterstudiengang «Innovative Finance», in dem solche Kompetenzen systematisch mit technologischem und finanzökonomischem Wissen verbunden werden. Für Liechtenstein hat all das eine besondere Relevanz. Der Arbeitsmarkt ist klein, stark spezialisiert und eng mit den Nachbarländern vernetzt. Viele Unternehmen sehen KI nicht als ferne Perspektive, sondern als konkretes Instrument, um effizienter zu arbeiten oder dem Fachkräftemangel zu begegnen. Gleichzeitig verändert die Automatisierung gerade jene Einstiegstätigkeiten, die jungen Menschen bisher den Zugang ins Berufsleben erleichtert haben. 

Die ausgeprägte Praxisorientierung in Liechtenstein bleibt ein Vorteil – aber nur, wenn Betriebe Lernenden aktiv Zugang zu KI-gestützten Arbeitsformen ermöglichen. In spezialisierten Feldern wie Treuhand, Finanzdienstleistungen oder Ingenieurwesen entstehen neue Chancen, wenn KI genutzt wird, um Qualität und Expertise weiter zu vertiefen.

Für uns als Hochschule bedeutet dieser Wandel einen klaren Auftrag. Das traditionelle Modell reiner Wissensvermittlung reicht nicht mehr aus. Wenn KI in Sekunden Literaturüberblicke, Konzeptentwürfe oder Programmcodes generiert, verliert die blosse Wiedergabe von Informationen an Bedeutung. 

Hochschulen müssen zu Orten werden, an denen Reflexion, kritisches Urteilen und die verantwortungsvolle Anwendung von Technologie gelehrt und geübt werden. Studierende aller Fachrichtungen sollen verstehen, was KI kann, wo ihre Grenzen liegen und wie sie in Projekten sinnvoll eingesetzt wird. Diesen Anspruch setzen wir universitätsbreit um. 

Unsere Curricula basieren zunehmend auf vier ineinandergreifenden Entwicklungssäulen: Persönlichkeit, Methodik, Fachwissen und Individualität. Neben einem fundierten Verständnis klassischer Disziplinen erlernen Studierende den Einsatz neuer Technologien, datenintensiver Methoden und KI-gestützter Analysewerkzeuge. Wahl- und Vertiefungsmöglichkeiten ermöglichen‚ es ihnen, eigene Schwerpunkte zu setzen – etwa in Sustainable Finance, digitaler Transformation, Architektur, Entrepreneurship oder anderen spezialisierten Feldern. Moderne Technologie wird so nicht als Add-on, sondern als selbstverständlicher Teil zeitgemässer akademischer Bildung verankert.

Eine besondere Stärke Liechtensteins ist die enge Zusammenarbeit zwischen Universität, Unternehmen und Verwaltung. Gemeinsame Projekte schaffen Lernräume, in denen Studierende reale Fragestellungen bearbeiten und KI-Tools unter tatsächlichen Bedingungen einsetzen können. Wie eng dieser Austausch funktioniert, zeigt sich in unseren projekt- und forschungsbasierten Programmen: Studierende bearbeiten reale Fragestellungen aus Unternehmen, analysieren Originaldaten, nutzen statistische und KI-gestützte Software und präsentieren ihre Ergebnisse vor Praxispartnern. Das Studium wird so zu einem geschützten Experimentierfeld und zu einer praktischen Übung in lebenslangem Lernen.

Jede Baustelle birgt eine Chance 

Die Idee der «Baustelle Zukunft» macht Mut. Baustellen sind Orte des Übergangs, des Ausprobierens und des Neuentstehens. Genau so sollten wir auch die höhere Bildung verstehen. Sie ist kein fertiges Gebäude, das gelegentlich renoviert wird, sondern ein laufendes Bauprojekt, in dem Ideen getestet, Strukturen hinterfragt und Lösungen für kommende Generationen entwickelt werden. Für Liechtenstein liegt darin eine besondere Chance: Als kleines, bewegliches Land kann es die Bildung der Zukunft aktiv mitgestalten – und aus der Baustelle einen Ort machen, an dem Zukunft entsteht.

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