Sieben Millionen Tonnen: Liechtensteins Materialschatz
Sieben Millionen Tonnen: Liechtensteins Materialschatz
Daniel Stockhammer, Professor für Bauerbe und Upcycling, beleuchtet im Interview die dynamischen Materialflüsse des «Bauwerks Liechtenstein» und plädiert für eine zirkuläre Bauwirtschaft, die den Bestand als wertvolle Ressource begreift. Er sieht in Liechtenstein das Potenzial, zum Vorreiter im nachhaltigen Ressourcenmanagement zu werden, und fordert eine grundlegende Umstellung der Baupraxis hin zu Wiederverwendung und Upcycling.
Daniel Stockhammer zu den neuen Aufgaben und Kompetenzen: «Architekten müssen nicht nur Gebäude entwerfen, sondern auch Prozesse, Materialflüsse und Entscheidungswege gestalten.» (Foto: Fabio Schober)
Das «Bauwerk Liechtenstein» umfasst etwa sieben Millionen Tonnen, dominiert von Beton mit 80 Prozent und Ziegeln mit 13 Prozent. Jährlich werden bis zu 35000 Tonnen zurückgebaut, während fast das Dreifache neu hinzukommt. Wie bewerten Sie diese Materialströme und die Rolle des Bauwerks als kulturelles Erbe und dauerhafte Wertanlage?
Daniel Stockhammer: Diese Schätzungen gehen auf publizierte Arbeiten unserer Studierenden zurück. Eigene Untersuchungen bestätigen, dass Liechtenstein über ein ausserordentlich dynamisches Materiallager verfügt, dessen Umfang die natürlichen Ressourcen des Landes bei Weitem übersteigt und damit ein bislang kaum ausgeschöpftes materielles Potenzial darstellt. Dennoch behandeln wir diesen Bestand oft als Verbrauchsgut und folgen einem linearen Modell, das ökologisch und kulturell überholt ist. Jeder Abbruch vernichtet Ressourcen, graue Energie sowie Erinnerungs- und Identitätsräume, die unwiederbringlich verloren gehen. Die Materialflüsse zeigen diese Dynamik deutlich. Es ist entscheidend, das «Bauwerk Liechtenstein» als langfristige Wertanlage zu verstehen – als materiell-kulturelles Depot, das Kontinuität schafft und die Basis für eine zirkuläre Bauwirtschaft bildet.
Obwohl Liechtenstein 80 Prozent des Abbruchmaterials recycelt, geschieht dies meist durch Downcycling, also in eine minderwertige Funktion, wodurch neue Baustoffe nötig bleiben. Wo sehen Sie den grössten Verlust, und wie kann Liechtenstein die Qualität der Wertstoffe im Kreislauf sichern?
Nachhaltigkeit beginnt vor dem Recycling – beim Erhalt, der Reparatur und Wiederverwendung des Bestands. Recycling – insbesondere in Form des Downcyclings – zerstört funktionale Bauteile und damit Material- und Bauteilqualitäten, Energie und Wissen. Ein wirklich zirkulärer Kreislauf erfordert reversible Konstruktionen, präzisen Rückbau, digitale Materialpässe und klare Rahmenbedingungen, die Bauteile als Ressourcen erhalten. Baustoffe müssen als wieder verwendbare Elemente mit garantierter Qualität geführt werden, um ihren Wert zu bewahren. Liechtenstein hat hier eine Chance: Kurze Wege, wirtschaftsfreundliche Regularien und Innovationskraft ermöglichen ein landesweites Materialkataster und regionale Aufbereitungsstrukturen.
Sie sehen Liechtenstein als potenzielles Testlabor und Vorreiter für zirkuläres Ressourcenmanagement. Welche Schritte sind nötig, um das Land vollständig zu digitalisieren?
Der erste Schritt ist die Erfassung und Digitalisierung des Bestands – ein Schwerpunkt unserer Forschung. Das Bauwerk Liechtenstein muss als wertvolles Materialinventar steuerbar und langfristig nutzbar werden. Materialpässe für Neubauten, ein landesweites Materialkataster für den Bestand und frühzeitige Rückbauvoranzeigen bilden dafür die Grundlage. Werden diese Instrumente in Pionierprojekten erprobt – etwa in öffentlichen Bauvorhaben, die zirkuläre Prinzipien fördern und verbindlich einfordern – kann ein evidenzbasierter Modellraum entstehen, in dem der Gebäudebestand als dynamisches, digital geführtes Materiallager zu funktionieren beginnt. Die Grundidee ist klar: Weniger externe Ressourcenabhängigkeit und ein Bestand, dessen Materialien aufgrund ihrer Qualität langfristig nutzbar bleiben. So entsteht ein regionales, wachsendes Ressourcenverzeichnis, das gleichzeitig Abfall- und Deponieprobleme reduziert.
An der Universität Liechtenstein vermitteln wir klar: Der Bestand ist eine Ressource, keine Last.
Seit 2021 leiten Sie die Liechtenstein School of Architecture und die Fachgruppe «Bauerbe & Upcycling». Wie bereitet die Universität Liechtenstein die Baubranche und künftige Architekten auf die Herausforderungen des Bestands vor?
An der Universität Liechtenstein vermitteln wir klar: Der Bestand ist eine Ressource, keine Last. Speziell die Lehre unserer Fachgruppe setzt deshalb beim Vorhandenen an – bei der Analyse, Einordnung, der Erhaltung und Weiterentwicklung von Baubeständen sowie bei Rückbau und Materialinventarisierung. Studierende lernen, aus dem Bestand heraus zu entwerfen und Reparatur, Weiterbau sowie Wiederverwendung als selbstverständliche Bestandteile architektonischer Arbeit zu begreifen. Zusammen mit unserer Forschung entsteht so ein Umfeld, das zukünftige Architektinnen und Architekten gezielt auf eine ressourcenbewusste, bestandsorientierte Baupraxis vorbereitet.
Ihr Buch «Upcycling. Wieder- und Weiterverwendung als Gestaltungsprinzip in der Architektur» betont das Potenzial der qualitativen Wiederverwendung von Gebäuden und Bauteilen. Wie definieren Sie Upcycling, und warum ist es in der Architektur unverzichtbar?
Upcycling meint die Wieder- oder Weiterverwendung von Bauteilen in einer funktional oder gestalterisch höherwertigen Form. Entscheidend ist, dass dabei nicht nur Material, sondern auch die kulturelle Information eines Bauteils erhalten bleibt. Upcycling verschiebt die architektonische Perspektive: Statt Neues zu generieren, indem man das Alte eliminiert, wird das Vorhandene zum Ausgangspunkt gestalterischer Innovation. In Zeiten knapper Ressourcen und hoher grauer Energieanteile ist diese Haltung zentral. Sie spart nicht nur Energie, sondern stärkt auch die kulturelle Kontinuität der gebauten Umwelt.
Warum gilt Wiederverwendung trotz ökologischer Vorteile als kompliziert, während Recycling industrialisiert ist?
Weil unser Bausystem seit dem letzten Jahrhundert auf Neubau getrimmt ist. Recycling ist industrialisiert, Wiederverwendung dagegen braucht Zeit, Wissen, Planungsspielraum – und sie kollidiert mit heutigen Normen, Garantie- und Haftungsfragen, Gewohnheiten. Rahmenbedingungen, die bislang kaum etabliert sind. Solange diese Strukturen fehlen, erscheint Wiederverwendung komplex, obwohl sie ökologisch wie kulturell klar überlegen ist. Technisch ist vieles möglich, kulturell stehen wir noch am Anfang.
Welche Ansätze steigern den Wert gebrauchter Materialien und verringern die Abhängigkeit von neuen Rohstoffen?
Vielversprechend sind beispielsweise regionale Reuse-Hubs, in denen Bauteile aus dem Rückbau erfasst, gereinigt, geprüft und zertifiziert werden. Zusammen mit digitalen Plattformen – Materialkatastern, Bauteilbörsen und BIM-gestützten Inventaren – wird Rückbaumaterial wieder planbar und verfügbar. Investitionen sollten stärker in Arbeitskraft und Qualitätssicherung fliessen, statt in neue Rohstoffe und Deponien. Der Fokus auf die Wiederverwendung bestehender Bauteile ist wichtig, doch noch entscheidender ist eine grundsätzliche Umstellung der Produktion hin zu wiederverwendbaren Baustoffen und Bauteilen. Dazu gehören konstruktive Innovationen wie verschraubte statt verklebter Systeme, reversibel gefügte Bauteile und austauschbare Module. Vieles davon besitzt historische Vorläufer – etwa Patente wiederverwendbarer Ziegelsteine, die wir im Forschungsprojekt Re-Constructing Circularity derzeit erneut erschliessen.
Der Erfolg der Kreislaufwirtschaft hängt in der Praxis stark vom Willen der Bauherren ab. Wie können Architekten Bauherren überzeugen, in zirkuläre Prozesse zu investieren?
Indem sie ihre Rolle erweitern. Die Umstellung linearer Industrieprozesse zu einer zirkulären Wirtschaft erfordert neue Ideen, Kompetenzen und Berufsfelder. Architekten müssen nicht nur Gebäude entwerfen, sondern auch Prozesse, Materialflüsse und Entscheidungswege gestalten. Reuse-Projekte müssen gestalterisch überzeugen, kulturell wertvoll und wirtschaftlich nachhaltig sein. Das Modell ist einfach: Ein Bauwerk wird zur Wertanlage und zum Ressourcenlager. Es kann abfallfrei angepasst, rückgebaut und verkauft werden. Im Sinne einer weitsichtigen Anlagestrategie wird das Bauwerk so zur zirkulären, ökologisch nachhaltigen Vermögensform, die regionale Resilienz stärkt. Genau hier liegt das Potenzial einer neuen Architektur- und Planungspraxis: Sie ermöglicht Bauherrschaften, in eine Zukunft zu investieren, in der materielle Werte nicht verbraucht, sondern erhalten, transformiert und weitergegeben werden. Eine Baukultur, die ihren Bestand als Vermögen begreift, ist nachhaltiger, wirtschaftlicher – und kulturell reicher.
Interview: Patrik Schädler