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Italien - Rom

Italien - Rom

Sydney Pauger

Mein Weg ins italienische Lebensgefühl

Frau steht lächelnd vor dem Kolosseum, während im Hintergrund Touristen an der Straße entlanggehen.

Als ich zum ersten Mal für mein Auslandssemester in Italien ankam, fühlten sich zwei alltägliche Gewohnheiten besonders ungewohnt für mich an: die sehr späte Abendessenskultur und der allgemeine Mangel an Pünktlichkeit. Beides sind ganz normale Bestandteile des italienischen Lebens, und doch wirkten sie zu Beginn völlig fremd auf mich. Da ich aus Österreich komme und in Liechtenstein studiere, war ich es gewohnt, gegen 19 Uhr zu Abend zu essen und dass Menschen zu allem pünktlich erscheinen. In Italien jedoch schien alles später, langsamer und entspannter abzulaufen. Zunächst machte mich dieser ungewohnte Rhythmus gestresst und unsicher, wie ich mich anpassen sollte.

 

Das späte Abendessen war eine der ersten kulturellen Praktiken, die mir wirklich auffielen. In den ersten Wochen fand ich es seltsam und sogar ein wenig nervig, dass Restaurants um 19:30 Uhr noch leer waren, während sich die Italiener erst viel später fertig machten, um auszugehen. Meine gesamte Routine fühlte sich durcheinander an. Ich war es nicht gewohnt, nach einem langen Tag so lange mit dem Essen zu warten, und ich fühlte mich oft etwas ungeduldig. Doch langsam, fast ohne es zu merken, begann ich mich anzupassen. Ich fing an, später zu essen, später auszugehen, und irgendwann fühlte es sich nicht mehr seltsam an. Heute ist das späte Abendessen für mich völlig natürlich geworden – fast wie ein Teil meines eigenen Rhythmus.

 

Die zweite Sache, die sich ungewohnt anfühlte, war die entspannte Einstellung zur Pünktlichkeit. In Italien scheint es niemanden zu stören, wenn man zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Minuten zu spät kommt. Anfangs machte mich das unruhig. Ich bin normalerweise ein sehr pünktlicher Mensch, und wenn ich früh zum Unterricht oder zu Treffen kam und sah, dass andere viel später auftauchten, stresste mich das. Ich war mir nicht sicher, ob ich etwas falsch machte oder die Uhrzeit falsch verstanden hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass Verspätung hier nicht als respektlos gilt – sie ist einfach Teil der Kultur.

 

Mit der Zeit begann ich, diese neue Denkweise zu verinnerlichen. Ich hörte auf, so ängstlich auf die Uhr zu schauen. Ich gab mir selbst mehr Raum zum Atmen. Und seltsamerweise fühlte ich mich, sobald ich aufhörte, mir Sorgen um Pünktlichkeit zu machen, insgesamt viel entspannter. Der italienische Lebensstil brachte mir etwas bei, das ich zuvor nie wirklich erlebt hatte: eine echte Work-Life-Balance. Das Leben bewegt sich hier langsamer, und dadurch scheinen die Menschen präsenter, verbundener und weniger gestresst zu sein. Diesen Rhythmus anzunehmen, gab mir eine neue Perspektive darauf, was es bedeutet, gut zu leben.

 

Es gab keinen bestimmten Moment, in dem plötzlich alles vertraut wurde. Stattdessen war es ein allmählicher Übergang, ein Prozess vieler kleiner Erkenntnisse, die sich summierten. Eines Tages bemerkte ich, dass ich um 19 Uhr nicht mehr hungrig war. An einem anderen Tag fiel mir auf, dass ich keinen Stress mehr fühlte, wenn jemand zu spät kam. Und irgendwann wurde mir klar, dass ich mich viel mehr angepasst hatte, als ich gedacht hätte.

 

Diese Erfahrung war auch eng mit meinem persönlichen Wachstum verbunden. Ich habe mich immer als ungeduldig gesehen, als jemand, der möchte, dass Dinge schnell und nach Plan passieren. Aber das Leben in Italien hat mir gezeigt, dass ich zu viel mehr Geduld fähig bin, als ich dachte. Ich lernte, langsamer zu werden, Unsicherheit zu akzeptieren und Gewohnheiten loszulassen, die ich für „normal“ gehalten hatte. Das Ungewohnte wurde nicht nur vertraut – es veränderte mein Verständnis von mir selbst.

 

Ein weiterer Teil dieses Übergangs waren die Menschen, die ich kennengelernt habe. Schon früh in meinem Aufenthalt wurde ich mit zwei Mädchen sehr eng, die inzwischen wie Familie für mich geworden sind. Wir verbringen fast jeden Tag zusammen, wir lachen ständig, und wir haben sogar eine viertägige Reise zusammen gemacht. Sie ließen Italien wie ein Zuhause für mich fühlen. Durch sie lernte ich, dass Vertrautheit in einem fremden Land oft aus Beziehungen entsteht, nicht aus Routinen. Ihre Unterstützung, Wärme und Nähe spielten eine große Rolle dabei, meine Erfahrung zu verwandeln und das Ungewohnte sicher und angenehm zu machen.

 

Rückblickend sehe ich, wie diese kulturellen Unterschiede mein interkulturelles Lernen geprägt haben. Was sich am Anfang seltsam oder frustrierend anfühlte, wurde nach und nach bedeutungsvoll. Ich lernte, dass Unvertrautheit nichts ist, gegen das man sich wehren sollte, sondern etwas, in das man hineinwachsen kann. Die langsamen Abendessen, das flexible Zeitverständnis, der entspannte Lebensrhythmus – all das lehrte mich, offener, anpassungsfähiger und geduldiger zu sein. Es veränderte nicht nur mein Verständnis der italienischen Kultur, sondern auch mein Verständnis von mir selbst.

Frau steht lächelnd vor dem Kolosseum, während im Hintergrund Touristen an der Straße entlanggehen.