Architektur als politische Tat: Fünf Weltklasse-Architektinnen im Gespräch
Architektur als politische Tat: Fünf Weltklasse-Architektinnen im Gespräch
Es war mehr als eine Podiumsdiskussion – ein Plädoyer für das Kollektiv. Tatiana Bilbao, Anna Heringer, Anupama Kundoo, Marina Tabassum und Überraschungsgast Frida Escobedo, fünf der einflussreichsten Architektinnen der Gegenwart, trafen sich an der Universität Liechtenstein. Ihre Botschaft: Architektur soll heilen, dienen und das Ego in den Hintergrund rücken.
«Wir haben vier Stühle bestellt und fünf Architektinnen bekommen», scherzte Prof. Daniel Stockhammer zur Begrüssung im voll besetzten Architekturstudio. Neben den angekündigten Gästen – Tatiana Bilbao (Mexiko-Stadt), Anna Heringer (Laufen), Anupama Kundoo (Berlin/Pune) und Marina Tabassum (Dhaka) – stiess spontan die mexikanische Architektin Frida Escobedo dazu.
Unter der Moderation von Verena Jakoubek-Konrad entwickelte sich am 13. Februar 2026 ein Gespräch, das technische Details beiseiteliess und den ethischen Kern der Architektur beleuchtete.
Architektur als politische Tat
Ein zentrales Thema des Abends war die politische Dimension des Bauens. Tatiana Bilbao beschrieb Architektur nicht als Objekt, sondern als «primary form of care» – eine primäre Form der Fürsorge. Für sie ist Architektur immer politisch, weil sie entscheidet, «wer, wie, wann und wo diesen Planeten bewohnen kann». Marina Tabassum, die in Bangladesch oft mit den Folgen von Klimakrise und Vertreibung arbeitet, hob die Bedeutung der «Weisheit des Landes» hervor. Sie erzählte von einem Co-Design-Prozess in einem Flüchtlingslager, bei dem Frauen sich vor allem eines wünschten: einen Garten, um inmitten der provisorischen Unterkünfte Würde zu bewahren.
Zeit als Ressource
Anupama Kundoo stellte den gängigen Ressourcenbegriff infrage. Für sie geht es nicht um den Mangel an endlichen Materialien, sondern um die Förderung «unendlicher menschlicher Ressourcen» wie Imagination und Handwerk. «Time is a resource» – Zeit ist eine Ressource, betonte sie und rief dazu auf, das «denkende Handwerk» wiederzubeleben.
Kollektiv statt Ego
Die stärkste Botschaft des Abends war die Absage an das Bild des einsamen, genialen Architekten. «Es geht darum, das Ego zu reduzieren», sagte Anna Heringer. Ihr grösstes Glück finde sie nicht auf dem Podium, sondern mit den Händen in der Erde auf der Baustelle. Frida Escobedo ergänzte, wie befreiend es sei, Frauen zu treffen, die dieselben Werte teilen: «Wir sind nicht allein. »
Der Abend endete mit Standing Ovations – und einem Augenzwinkern. Auf die Frage nach gemeinsamen Zukunftsplänen deuteten die fünf an, eine «Band» gründen zu wollen – vielleicht die «Spice Girls» der Architektur.