Ein Jahrhundertwerk im Wandel: 100 Jahre PGR im Fokus
Ein Jahrhundertwerk im Wandel: 100 Jahre PGR im Fokus
Hundert Jahre nach seinem Inkrafttreten ehrte die Universität Liechtenstein das liechtensteinische Personen- und Gesellschaftsrecht (PGR). Die Vorstellung eines Jubiläumsbandes bot Anlass, die Entstehungsgeschichte zu beleuchten und zugleich kritisch auf die Zukunft des Rechtsfundaments zu blicken.
Am 19. Februar 1926 trat das PGR in Kraft – ein historisches Datum. Genau ein Jahrhundert später, am Abend des 19. Februar 2026, versammelten sich rund 80 Gäste im Auditorium der Universität Liechtenstein, um das Jubiläum zu feiern. Im Mittelpunkt stand die Vernissage des Buches «100 Jahre liechtensteinisches Personen- und Gesellschaftsrecht im Dialog», herausgegeben von der Liechtenstein Business Law School. Doch der Abend war mehr als eine Buchpräsentation: Er bot eine Bestandsaufnahme der rechtlichen DNA Liechtensteins.
Das Fundament des Wirtschaftsstandorts
Prof. Dr. Alexandra Butterstein, Dekanin der Liechtenstein Business Law School, nannte das Gesetz in ihrer Eröffnungsrede einen «Meilenstein», der den wirtschaftlichen Aufbruch des Landes ermöglichte. Besonders beeindruckend sei die Entstehungsgeschichte: Innerhalb von nur vier Jahren entstand das Gesetz – damals noch auf der Schreibmaschine. Die Schöpfer orientierten sich am Schweizer Recht, bewiesen jedoch «weitsichtige Eigenständigkeit», indem sie spezifisch liechtensteinische Rechtsformen wie die Anstalt einführten.
Justizminister Dr. Emanuel Schädler nahm die Zuhörer in seinem Grusswort mit auf eine Zeitreise in die «Schreibwerkstatt» von Wilhelm Beck und beleuchtete die literarischen Vorbilder des PGR-Schöpfers.
Vom Notrecht zum modernen Rechtsstaat
Wie stark sich Liechtenstein seit 1926 verändert hat, zeigte Universitätsrektor Dr. Christian Frommelt. Während damals nur zwölf Landesgesetzblätter existierten, sind es heute rund 1.200. Das PGR entstand in einer Umbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg, geprägt von der Annäherung an die Schweiz und der Zollunion. Heute gilt es als «Grundpfeiler der Rechtsordnung», auf den etwa zehn Prozent aller geltenden Gesetze verweisen.
Ruf nach Reformen
Doch wie zukunftsfähig ist das 100 Jahre alte Gesetz? Dr. Bernd Hammermann, Richter am EFTA-Gerichtshof, analysierte die Herausforderungen, vor denen das PGR steht. Besonders der EWR-Beitritt und die europäische Integration hätten den Gesetzestext «erheblich ausgeweitet und verdichtet».
Hammermann betonte, dass technische Anpassungen nicht mehr ausreichen. Er forderte eine «strukturelle Neukonzeption» des PGR, etwa durch eine Aufteilung in einen Allgemeinen Teil, einen gesellschaftsrechtlichen Teil und einen Rechnungslegungsteil. Ziel müsse ein kohärentes Gesetz sein, das Liechtensteins Rolle als „europäischer Business-Hub“ stärkt.
Spannungsfeld zwischen Tradition und Europa
In der abschliessenden Podiumsdiskussion ging es um die Frage, ob der traditionelle liechtensteinische Pragmatismus angesichts der wachsenden Komplexität des Unionsrechts noch tragfähig ist. Themen wie die Niederlassungsfreiheit, die EuGH-Rechtsprechung zur Sitzverlegung und das Verhältnis zum österreichisch geprägten Erbrecht zeigten die aktuellen Herausforderungen der Rechtspraxis.
Der vorgestellte Jubiläumsband, der auf 362 Seiten Beiträge aus Wissenschaft und Praxis vereint, greift diese Themen auf – von der Philanthropie bis zur Architektur, vom Stiftungsrecht bis zur Rolle künstlicher Intelligenz in der Rechtsfindung.