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Britta Hentschel: «Erschreckend viele Bauten abgerissen»

Britta Hentschel: «Erschreckend viele Bauten abgerissen»

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Britta Hentschel hinter dem Modell von Haus Siebeck von 1929 an der Bannholzstrasse 12 in Vaduz. (Bild: Michael Zanghellini )

Der deutsche Architekt Ernst Sommerlad brachte mit seinen über 200 Bauten das moderne Bauen nach Liechtenstein und prägte das Land sowie die Region. Die Universität Liechtenstein würdigt den 130. Geburtstag Sommerlads am 27. November mit einem Symposium. Die Journalistin Mirjam Kaiser von der Tageszeitung Liechtensteiner Vaterland führte mit Dr. Britta Hentschel ein Interview darüber:

Am 27. November lädt die Universität Liechtenstein zu einem Symposium zu Ernst Sommerlad sowie in Zusammenarbeit mit Studierenden der OST Fachhochschule Ostschweiz zu einer Ausstellung mit Modellarbeiten. Ebenfalls wird das Buch «Ernst Sommerlad: Architekt 1895 – 1977. Bauen im Fürstentum Liechtenstein, in den Kantonen St. Gallen, Appenzell AR, Graubünden und Vorarlberg» präsentiert. Britta Hentschel, Hochschuldozentin an der Liechtenstein School of Architecture der Universität Liechtenstein, hat sich intensiv mit dem Architekten befasst und erzählt im Interview über seine grössten Verdienste.

Ab 1924 baute der Architekt Ernst Sommerlad über 200 Bauten in Liechtenstein und der Region. Wie kam es dazu?

Britta Hentschel: Ernst Sommerlad sah als junger Architekt nach dem Ersten Weltkrieg keine guten Verdienstmöglichkeiten in Deutschland. Mit dem Architekturdiplom der TU Darmstadt in der Tasche wollte er zunächst in die Vereinigten Staaten auswandern, doch wurde er bei einem Skiurlaub im Kleinwalsertal auf Liechtenstein aufmerksam und entschied sich, sein Glück dort zu versuchen. Am 5. Mai 1924 überquerte er mit dem Fahrrad und 500 Schweizer Franken im Gepäck den Rhein zwischen Buchs und Schaan. Im Sommer des gleichen Jahres konnte er dank der Fürsprache der lokalen Bauhandwerker, die sich Aufträge von ihm erhofften, zunächst in Schaan und später in Vaduz das erste Architekturbüro des Landes eröffnen. Sein unermüdliches Tun, seine Vision einer Moderne für den Alpenraum und grosse Durchsetzungsfähigkeit liessen Sommerlad ein so umfangreiches und in sich unterschiedliches Œuvre schaffen, das über Liechtenstein hinausgeht.

Er baute vor allem für wohlhabende Menschen. Wieso?

Ernst Sommerlad baute vor allem für deutsche Industrielle und Privatiers, die die neuen Möglichkeiten der Finanzeinbürgerung und des Treuhand- und Stiftungswesens in Liechtenstein für sich zu nutzen wussten. Die Bauherrnakquise betrieb er gezielt über das Schalten von Anzeigen und Annoncen in den grossen deutschen Tageszeitungen und arbeite eng mit den ersten Treuhändern Liechtensteins wie Helmuth M. Merlin und Guido Feger zusammen. So boten die drei ihre Dienste auch gemeinsam an. Doch zunächst musste im ländlich geprägten Fürstentum, das bis dahin keine moderne Architektur kannte, erst einmal Bauland verfügbar gemacht werden. Auf seinen ausgedehnten Wanderungen mit Ehefrau Gertrud, die über Jahrzehnte das Architekturbüro für ihn führte, entdeckte Sommerlad die Allmende von Vaduz zwischen der Spinnerei Jenny, Spoerry & Cie., heute Sitz der Universität Liechtenstein, und dem Bannholz-Wald als idealen Bauplatz. In einer Bürgerversammlung im November 1926 schaffte es der Architekt, gegen den Widerstand der Landwirte die stimmberechtigte Bevölkerung davon zu überzeugen, das Gemeindeland in günstiges Bauland umzuwidmen.

Was waren seine wichtigsten Bauten?

Innerhalb der folgenden Jahre schuf Sommerlad das Villenquartier Ebenholz in Vaduz, das sicher als sein Hauptwerk zu bezeichnen ist. Dazu zählt unter anderem auch das Haus Siebeck, das 1929 an der Bannholzstrasse 12 entstand. Daneben sind es aber auch spektakuläre Einzelbauten wie 1927/28 die Pfälzerhütte auf dem Bettlerjoch oder das Kurhaus Kardia im appenzellischen Gais von 1936, die sicher zu seinen wichtigsten Bauten zählen dürfen.

Was machte den Sommerlad-typischen Baustil aus?

Ernst Sommerlads Baustil, insbesondere bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, ist geprägt von einer dezidiert modernen Formensprache: Schlichte kubische Baukörper werden von Flachdächern oder stark liegenden Dächern überfangen. Neueste Baumaterialien wie Heraklith, Eisen- und Stampfbeton oder Stahlrohr ermöglichen Panoramafronten und weitauskragende Balkone, die eine enge Verbindung zum Garten und zur Landschaft herstellen. Modernste Haustechnik erleichterte die Haushaltsführung und Garagen für den jungen Automobilverkehr verweisen auf eine gesteigerte Mobilität. Charakteristisch für die Bauten Sommerlads, die unmittelbar nach ihrer Entstehung in der Region rege kopiert wurden, waren zudem expressiv geschwungene Brüstungen, vorgewölbte Bauteile, auskragende Dächer, übereck angeordnete Fenster, Bandfenster und eigentümlich zu Dreiergruppen arrangierte schmale Rundbogenfenster.

Wie viele von Sommerlads Bauten stehen heute noch?

Im Zuge der Vorbereitung des Symposiums, der Buchpublikation «Ernst Sommerlad Architekt 1895–1977» und der Ausstellung «Sommerlad. Zweite Lesung» an der Universität Liechtenstein, entstand im Rahmen des «Atlas Ostschweiz» eine digitale Karte, die alle Sommerlad-Bauten verzeichnet und auch festhält, ob diese noch stehen oder nicht. Das Ergebnis ist – insbesondere für Liechtenstein – erschreckend: Im Villenquartier Ebenholz zwischen Universität und Waldrand stehen von insgesamt ursprünglich 35 Bauten Sommerlads nur noch 20. Im gesamten Land wurde von knapp 120 Bauten Sommerlads sogar nahezu die Hälfte in den letzten Jahren abgerissen. Blickt man über die Grenzen in die Schweiz und nach Vorarlberg, sieht es hingegen ganz anders aus: Dort stehen noch 90 Prozent seiner Bauten.

Welche wichtigen Gebäude wurden abgerissen?

Es wurden leider viele wegweisende Bauten von Sommerlad abgerissen, wie sein Erstlingswerk, das expressionistische Café Risch von 1924 in Schaan, viele seiner Ebenholz-Villen, aber auch das Haus Ferster, das er zusammen mit dem Schweizer Architekten und Schriftsteller Max Frisch für den Fabrikanten Carl Ferster 1950 am Duxweg 23 in Schaan errichtet hat. Dieses elegante Landhaus mit der ersten Bodenheizung im Land und weitläufigem Garten mit Pool wurde trotz Protesten 2005 abgerissen.

Was waren die Schwachstellen seiner Gebäude?

Die Schwachstelle der Bauten Sommerlads ist ihre ausgezeichnete Lage. Oft handelt es sich um vergleichsweise kleine Bauten auf grossen Grundstücken mit herrlicher Aussicht. Der Ausnützungswunsch der Erben oder heutigen Besitzer ist oftmals höher als der Wunsch, hervorragende Beispiele des Neuen Bauens in Liechtenstein zu erhalten. Deshalb wurden und werden Sommerlads Bauten zuhauf abgerissen.

Sommerlad hatte mit einigen Widerständen zu kämpfen. Welche waren dies?

Die Widerstände, mit denen Sommerlad zu kämpfen hatte, waren vielgestaltig. Die heimischen Bauhandwerker opponierten gegen seinen professionellen und qualitätsorientierten Baustellenbetrieb, Schweizer Kantone versuchten gerade in den Kriegsjahren, ihren heimischen Markt mit Arbeitsverboten gegen den erfolgreichen Architekten zu schützen und das Dritte Reich machte dem Deutschen Sommerlad das Leben schwer: Als Elitesoldat des Deutschen Alpenkorps hatte er im Ersten Weltkrieg an fast allen kriegsentscheidenden Schlachten teilgenommen, war mehrfach aus französischer Kriegsgefangenschaft geflohen und hatte als Einziger seiner Einheit die vier Jahre Weltkrieg überlebt. Seine Erfahrungen liessen ihn jede weitere Militarisierung entschieden ablehnen. Auch die dezidierte Überzeugungsarbeit der Gestapo im nahen Feldkirch führte zu keinem Beitritt zu der in Liechtenstein starken Auslands-NSDAP, die den Anschluss des Landes ans Reich anstrebte. In der Folge wurde Sommerlad die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen und der lange Arm Berlins über Zürich nach Vaduz erwirkte, dass ihm gleichzeitig die liechtensteinische Staatsbürgerschaft verwehrt wurde. So war Sommerlad bis zur Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft 1950 staatenlos, konnte den Kleinstaat nicht verlassen und war so gezwungen, über Mittelsmänner in der Schweiz und in Vorarlberg zu bauen – denn aufhalten liess sich Sommerlad von allen Widerständen nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte Sommerlad sein Angebot. Wie sah dieses aus?

Sommerlad hatte stets ein sehr gutes Gespür für den Zeitgeist. So war ihm mit Kriegsende bereits klar, dass die grosse Zeit der Villen und Einfamilienhäuser vorüber war. Er erweiterte sein Portfolio umgehend um Mehrfamilienhäuser und Siedlungen wie die Siedung Bartlegrosch 1952 in Vaduz mit standardisierten und damit günstigen Typenhäusern. Als ein begeisterter Automobilist und Gründungsmitglied des Liechtensteiner Automobilclubs errichtete er in Triesen-Matschils von 1957 bis 1959 eines der ersten Motels im Alpenraum. Mehrere Ein- und Mehrfamilienhäuser ergänzten das Motel zu einem Komplex. Zwischen 1960 und 1963 baute Sommerlad im nahen Buchs auf der anderen Rheinseite mit den Sternhäusern sogar erste Hochhäuser.

Rückblickend betrachtet: Was waren die grössten Verdienste Sommerlads?

Der grösste Verdienst Sommerlads ist zum einen, dass er das «Neue Bauen» als Architektursprache und Haltung ab Mitte der 1920er-Jahre nach Liechtenstein brachte und so die Region in die Moderne katapultierte. Dabei kopierte er nicht die internationale Moderne, sondern schuf ganz eigene Lösungen für den alpinen und subalpinen Raum. Als erster akademisch ausgebildeter Architekt in Liechtenstein professionalisierte er zudem das Bauen und die Landvergabe entscheidend und setzte die neuen wirtschaftlichen Optionen, die die Finanzeinbürgerungen und das Stiftungswesen anboten, bauherrnwirksam um. Zum anderen brachte er neben der Architektur, die neue Gestaltungs- und Wohnvorstellungen vermittelte, auch modernes Savoir-vivre in das ländlich geprägte Liechtenstein: Als einer der ersten Skifahrer und Automobilisten im Land prägte er ein neues Freizeitverhalten: Er zählte zu den Gründungsmitgliedern des Liechtensteiner Tennisclubs.

Die Uni lädt am 27. November zum Symposium über Ernst Sommerlad. Was ist das Ziel des Symposiums?

Unser Ziel ist es, erstmals das Werk des für das Land so prägenden, ersten Architekten zu analysieren und zu vermitteln. Es geht darum, Sommerlad als Grenzgänger und Pionier im Alpenraum von unterschiedlichen Seiten her zu beleuchten.

Was wird es zu hören geben?

Das Werk und Wirken Ernst Sommerlad wird in kurzen Vorträgen vorgestellt und diskutiert. Architekturhistoriker und -historikerinnen, Geografen, Denkmalpflegende und Staatsrechtlerinnen und Staatsrechtler werden das 50-jährige Schaffen Sommerlads aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Der unterschiedliche Umgang mit dem baulichen Erbe Sommerlads wird breit diskutiert und die Auswirkung des neuen Personen- und Gesellschaftsrechts (PGR) auf sein Schaffen und die Topografie Liechtensteins vorgestellt und so Politik und Geschichte der Region breit gespiegelt.

Ebenfalls wird eine Ausstellung eröffnet. Was wird es dort zu sehen geben?

Parallel zu den Vorbereitungen zum Symposium und zur Buchpublikation fanden verschiedene Entwurfs- und Analysestudios an der Liechtenstein School of Architecture (LSA) der Universität Liechtenstein und der Architekturwerkstatt der Fachhochschule OST zum Werk von Ernst Sommerlad und zum Umgang mit seinen Bauten statt. Die Entwürfe und Modelle der Studierenden zum Werk von Sommerlad werden im Rahmen der gemeinsamen Ausstellung beider Hochschulen «Sommerlad. Zweite Lesung» vom 27. November bis zum 3. Dezember an der Universität zu sehen sein. Zudem finden zwischen dem 22. und dem 29. November verschiedene Führungen zum Werk von Ernst Sommerlad in Liechtenstein, in Buchs und St. Gallen statt.

Das Interview erschien am 19. November 2025 im Liechtensteiner Vaterland.

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Britta Hentschel hinter dem Modell von Haus Siebeck von 1929 an der Bannholzstrasse 12 in Vaduz. (Bild: Michael Zanghellini )